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EIN GANG DURCH DIE KIRCHBERGER ABENDMAHLSLITURGIE |
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Ein Gang durch die Kirchberger Abendmahlsliturgie
(Auszüge aus der Predigt zur Einführung der neuen Abendmahlsliturgie in Kirchberg am 24.März 1996)
Der erste Teil unserer Feier besteht aus dem Fürbittgebet, dem Sündenbekenntnis und der Zusage der Vergebung. Hier bereiten wir uns auf das Mahl vor. In der Fürbitte öffnet sich die im Gottesdienst versammelte Gemeinde zu all denen, die draußen sind, in der Welt. Hier beten wir auch für die, die selbst nicht beten können. Wir treten als Gemeinde vor Gott und öffnen unseren Kreis, nehmen die vielen Menschen in unsere Mitte hinein, für die wir stellvertretend vor Gott bitten.
Lange Zeit galt das Bekennen und die Vergebung der Sünden als der eigentliche Sinn und Inhalt des Abendmahles. Sünde meint unser Versagen, unser Schuldigbleiben, unser Scheitern, das uns trennt von unseren Mitmenschen und von uns selbst. Das uns auch trennt von Gott. Sünde meint eine Schuld, für die wir uns nicht einfach "entschuldigen" können, die wir selbst nicht von uns nehmen können, sondern die von uns genommen werden muss. Im Sündenbekenntnis machen wir diesen Schritt auf Gott zu. Nachher im Abendmahl kommt er zu uns.
Der zweite Teil der Abendmahlsliturgie geht bis zum Vaterunser. Dieser Teil gehört zu dem ältesten liturgischen Gut der christlichen Kirche überhaupt. Der erneute Gruß zwischen Gemeinde und Pfarrerin oder Pfarrer markiert den Beginn von etwas Neuem im Gottesdienst. Pfarrer und Gemeinde begleiten sich gegenseitig auf das Treffen mit Gott hin. "Die Herzen in die Höhe". Das Herz steht für die ganze Person, für den ganzen Menschen. Die Gemeinde wird aufgefordert, sich selbst vor Gott zu bringen. Unser ganzen Wesen richtet sich auf Gott hin. "Die Herzen in die Höhe." Es ist ein fröhlicher Ruf, sich Gott ganz zu überlassen. Hier in seinem vermutlich ältesten Stück nähert sich der Gottesdienst auch seinem Heiligsten. Wenn wir uns so auf Gott hin richten, erkennen wir, dass letztlich unser ganzes Leben von ihm geschenkt ist und in ihm ruht. Daher auch der Dankspruch und das Gebet. Im Danken denken wir an all das, was uns gegeben ist, und wir erkennen Gott als das Element, in dem wir leben. Der Dank öffnet uns die Augen über unser eigenes Leben. Würdig und recht, d.h. angemessen und richtig, selbstverständlich notwendig und heilsam ist es, Gott zu danken. Der Text unseres "Heilig, heilig" stammt aus dem Engelsgesang des Profeten Jesaja und dem Hosianna beim Einzug Jesu nach Jerusalem. Es geht hier um den, der kommen wird. Es geht hier um den großen, universalen kosmischen Rang des Erlösungswerkes Christi. Die ganze Schöpfung, alles was lebt zwischen Himmel und Erde und im Himmel und auf der Erde singen Gott zum Lobe und wir als Gemeinde stimmen ein in diesen kosmischen Gesang. Jetzt sind einmal nicht unsere Welt oder unser Leben Inhalt und Gegenstand des Gottesdienstes, sondern Gott allein. Dass die Herrlichkeit Gottes einmal die ganze Erde ausfüllen wird und in ihr erkennbar sein wird, das besingt das "Heilig, heilig". Wir besingen das, was kommen wird, und von dem das Abendmahl uns einen Vorgeschmack liefern will.
Der letzte Teil der Abendmahlsliturgie beginnt mit den Einsetzungsworten, den Worten Jesu. Denn jetzt handelt Jesus selbst. Jetzt teilt er aus. Die entscheidenden Worte der Feier finden sich hier: "Für Euch". Es wird dabei nicht der Einzelne angesprochen, sondern die Gemeinde. Vielfältige Personen aus verschiedenen Lebenssituationen werden durch diese Worte zusammengeführt. Und indem sie etwas gemeinsam tun, werden sie zu einer Gemeinschaft. Das Abendmahl ist der Ort, an dem Christus seine Gemeinde zusammenführt. Das Agnus Dei, das "Christi du Lamm Gottes" erinnert daran, dass die Sünde der Welt immer wieder weggetragen werden muss. Wir halten dies oft nicht für nötig. Sündenmüssen aber hinweggetragen werden, damit eine neue und unbelastete Gemeinschaft zwischen uns Menschen entstehen kann. Das "Christi du Lamm Gottes" erinnert uns daran, daß Gott dazu nicht einfach ein Auge zudrückt. Am Kreuz wird deutlich, was es ihn gekostet hat. Der nachfolgende Friedensgruß ist Ausdruck dafür, dass die Gemeinde, nun als Menschen, deren Sünde weggetragen ist, auch untereinander in geschwisterlicher Liebe leben kann. Der Friedensgruß ist der Gruß des auferstandenen Christus. Im Johannesevangelium steht: "Jesus kam, trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit Euch". Die Herzen der Jünger waren damals erschrocken. Wie, wenn nun der unschuldig zu Tode Gekommene wiederkommt. Wird er sich rächen? Wird er richten?
Ausgeschlagene Gnade - die Chance vertan. Doch Jesus kommt und sagt: Friede sei mit euch! Das heißt: Es gibt bei Gott keine vertanen Chancen. So grüßen wir uns im Abendmahl. Nun sind wir bereit. Die Liturgie der Mahlfeier hat uns hierhergeführt. Nun tritt die Gemeinde vor und kommt zum Altar. Jetzt geht es um Christus selbst. Um sein Leben. Er teilt sich selbst aus - in seine Gemeinde hinein. Weil er da ist, ist sie sein Leib. Was Gemeinde ausmacht, ist, dass Christus "mitten unter uns ist". Mehr noch: Dass Christus in jedem einzelnen von uns "wohnt", wie das Johannesevangelium es sagt, dass Jesus in uns Wohnung nimmt. Und das ist es, was im Abendmahl geschieht. Manche sagen, wenn einer nicht dran glaubt, dann empfängt er im Abendmahl eben auch nichts. Denn für ihn gilt es ja nicht. Ich bin anderer Ansicht. Jesus teilt sich uns mit im Abendmahl. Wir werden zu einem Teil von ihm. "Ihr seid der Leib Christi", sagt Paulus. Dies geschieht, ob wir daran glauben oder nicht. Denn nicht wir handeln, nicht von uns hängt ab, was hier geschieht, sondern nur von Gott allein. Wenn die Wirkung und der Segen des Abendmahles davon abhängig wären, dass wir es auf angemessenen Art und Weise aufnehmen, also im festen Glauben, in Lauterkeit und ohne Zweifel, ohne Ablenkung und Verwirrtsein durch unsere Sorgen, dann wäre keiner von uns ein würdiger Abendmahlsgast. Wenn Wirkung und Segen des Abendmahles von uns abhängig wäre, bliebe oft nicht viel davon übrig. Nein: Jeder und jede von uns empfängt beim Abendmahl die Gegenwart Christi. Vielleicht hat deshalb Jesus das Mahl überhaupt begonnen und uns beauftragt, es immer wieder zu seinem Gedächtnis zu feiern. Weil vielleicht das Wort alleine nicht reicht. Wie oft möchte ich so gerne, dass mein Denken und meine Sinne sich auf Gott richten, doch ich bin abgelenkt. Ich möchte gerne glauben, doch meine Zweifeln belasten mich. Ich möchte beten, doch mir fehlen die Worte. Nein, sagt Jesus, im Abendmahl bin ich bei dir, in dir. Du kannst es spüren und fühlen, schmecken, so wie du eine Speise zu dir nimmst, so bin ich in dir und fülle dich aus. Weil ich es will, nicht weil du es kannst. Das ist es, was im Abendmahl geschieht. Das ist das Heilige am Abendmahl. Vielleicht hat deshalb Jesus das Mahl überhaupt begonnen und uns beauftragt es immer wieder zu seinem Gedächtnis zu feiern. Weil im Abendmahl alles nur von ihm ausgeht und von ihm abhängt und wir uns fröhlich und dankbar seinem Willen überlassen können.
Das Abendmahl ist eine Begegnung, die von Gott ausgeht und eine Gemeinschaft mit ihm, die uns in unserem Innersten erfüllt. So lassen Sie uns in Kirchberg Abendmahl feiern: Die Herzen in die Höhe erheben wir zum Herrn. Laßt uns danksagen, denn das ist würdig und recht, selbstverständlich notwendig und heilsam. Uwe Martini
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